Titel: Frisch ermittelt: Der Fall Hartnagel
Reihe: Ein Heißmangel-Krimi, Band 3
Autorinnen: Cornelia Kuhnert und Christiane Franke
Erscheinungstermin: 01.10.2024
288 Seiten
Verlag: Rowohlt E-Book
ISBN: 978-3-644-02015-3
Preis: 9,99 €
Klappentext:
An einem Spätsommertag liegt der angesehene Arzt Doktor Rudolf Hartnagel, Leiter des Kindererholungsheims in der Evenburg, tot im Klinikgarten. Durch die blau gefärbte Zunge wird rasch eine Zyankali-Vergiftung diagnostiziert. Die Polizei geht von Suizid aus und will den Fall zu den Akten legen. Doch Heißmangel-Betreiberin Martha Frisch gibt sich damit nicht zufrieden und geht der Sache nach. Gemeinsam mit Karl, dem Volontär der Leeraner Zeitung, kommt sie den verborgenen Seiten in Hartnagels Leben auf die Spur, die von Homosexualität in biederen Zeiten bis hin zu NS-Euthanasievorwürfen reichen. Eins ist klar: Umgebracht hat Hartnagel sich nicht. Und jemand ist mit seinem Racheplan längst noch nicht fertig.
Meine Meinung:
Zuerst fällt auf, dass das Coverbild nicht zu den ersten beiden Bänden passt. Ein Blick ins Impressum zeigt: Da wurde eine andere Agentur beauftragt, die sich offensichtlich nicht am Stil der vorangegangenen Teile orientieren wollte. Nunja.
Andere Rezensent'innen loben, wie gut über die damalige Zeit recherchiert worden sei. In weiten Teilen stimmt das auch. Aber ein paar Fehler haben sich dennoch eingeschlichen:
1. Der inzwischen zum Glück abgeschaffte unsägliche Paragraph 175 über sexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Männern stand nicht im BGB, sondern im StGB. Es war eine Straftat!
2. "Pling" machen Schreibmaschinen nicht etwa beim Zeilenwechsel des Schlittens, sondern fünf Zeichen vorher, damit man weiß, dass man ein neues Wort besser in die nächste Zeile schreibt oder ein langes Wort ggf. jetzt trennen muss.
3. Die Ausstrahlung von "Die Tote im Hafenbecken" der damals beliebten TV-Serie "Stahlnetz" fand am 22. August statt. Es muss sich um die Erstausstrahlung handeln, sonst würde Karl darüber keinen Zeitungsartikel schreiben. Allerdings planen Martha und Annemieke eine Fahrt nach Bremerhaven, um die Ankunft von Elvis Presley zu sehen, die entsprechend den Zeitangaben im Roman am 3. September hätte stattfinden müssen, allerdings in Wirklichkeit am 1. Oktober stattfand. Das lässt sich alles mit wenigen Klicks recherchieren. Natürlich kann man als Autor'in solche Dinge verändern, das nennt sich künstlerische Freiheit. Aber dann muss man darüber in einem Nachwort aufklären. Und das war hier nicht der Fall.
4. Ein rein sprachlicher Fehler: "Meines Wissens nach war sie nicht verheiratet." Urgs, bitte entscheiden Sie sich zwischen "Meines Wissens war sie nicht verheiratet" oder "Meiner Meinung nach...". Aber bitte nicht kombinieren. Das ist so furchtbar wie die Wortverhunzung "zumindestens".
Das alles hätte ein gutes Lektorat/Korrektorat bemerken können. Oder bin ich die einzige, der solche Fehler auffallen?
Kommen wir zum Inhalt: Der Fall ist sehr interessant, allerdings wird das Thema "Misshandlung von Kindern in sogenannten Erholungsheimen" zurzeit überall verwendet. Ja, es ist wichtig, diese Verbrechen aufzuarbeiten. Aber nach dem x-ten Krimi darüber habe ich davon jetzt wirklich genug gelesen. Schade, dass die Autor'innen nicht stattdessen den Schwerpunkt auf die Euthanasie-Fälle gelegt haben.
Ich wusste leider schon nach der Hälfte des Buches, wer die Morde begangen hat und warum. Zu lesen, dass viele Straftaten am Ende nicht verfolgt werden, ist kaum zu ertragen. Und was Holger genau für ein Problem mit einer bestimmten Person hat, wird nicht aufgeklärt.
Sehr eindringlich ist mal wieder, wie sehr die Sprüche aus der Nazizeit noch immer bemüht werden: Väter sollen keine Zärtlichkeiten mit ihren Kindern austauschen, die verweichlichen sonst. Sie sollen schließlich "zäh wie Leder, hart wie Krupp-Stahl" werden. Da wird mir wirklich übel. Und es gibt ja viele, die heute noch so denken und reden. Beobachtet mal, wie Männer andere Menschen umarmen, egal ob andere Männer, ihre Kinder, ihre Schwestern oder ihre Mütter. Spätestens nach drei Sekunden ist Schluss. Und damit es bloß nicht zu zärtlich ist, wird immer dreimal fest auf den Rücken des anderen geklopft. Da ist noch viel zu tun!
Besonders traurig fand ich die Bemerkung der Hauswirtschafterin:
"Na hören Sie mal, dem ist die Frau gestorben. Da soll ein Mann wohl traurig sein. Immerhin hat sie ihn versorgt, seine Wäsche gemacht, sein Essen gekocht, das musste er nun alles allein machen." Dass der Mann seine Frau vielleicht geliebt hat und sie vermisst, kommt ihr gar nicht in den Sinn. Eine Ehefrau ist in ihren Augen offenbar nur eine Kombination aus Putzfrau und Köchin.Interessant fand ich, wie viel Jugendliche und junge Erwachsene damals am Nachmittag und an den Wochenenden unternommen haben: den Eltern auf der Baustelle helfen, im Geschäft der Eltern mitarbeiten, die Oma unterstützen, in der Kirchengemeinde beim Frühschoppen Getränke ausschenken,...
Vielleicht tue ich der heutigen Jugend Unrecht, aber mir scheint, alle starren nur noch auf Bildschirme und füllen damit ihre Freizeit komplett aus.
Insgesamt hat mir dieser Krimi gut gefallen, wenn auch nicht so gut wie die ersten beiden. Hoffentlich geht es bald weiter, denn Heißangelbetreiberin Martha Frisch hat noch eine Rechnung offen!
Tipp:
Die ersten 30 Seiten gibt es als kostenlose Leseprobe.












