Eigentlich bin ich ja für mehr Wohlstand ohne Wirtschaftswachstum. Es wird eh viel zu viel Zeug produziert und dabei Umwelt, Ressourcen und Menschen ausgebeutet. Aber ich bin auch nicht gegen jeglichen Konsum. Manchmal muss auch ich etwas kaufen. Ich mache zwar viel selbst, nutze Gebrauchte Dinge und recycle so viel wie möglich, aber erstens habe ich nicht in allen Bereichen das nötige Talent und zweitens ist auch meine Zeit nicht unendlich.
Ich bewundere ja z.B. Anja Rieger, die inzwischen sogar ihre Schuhe selber macht und Katharina, die wunderschöne Dessous näht. Aber das schaffe ich nicht auch noch. Selbst wenn ich sofort anfangen würde, diese Techniken zu erlernen und mir alles nötige Gerät anzuschaffen, so würde ich es nicht schaffen, z.B. rechtzeitig noch diesen Herbst Winterstiefel für die Kinder und mich herzustellen. Letzte Nacht habe ich nämlich geträumt, dass Schnee liegt und tatsächlich kann das ja im November durchaus passieren.
Zurück zum Thema: Wenn man zur breiten Masse des Durchschnitts gehört, kann man sicher ganz einfach einkaufen gehen. Aber wehe, man weicht von der Norm ab, die vielleicht dem Durchschnitt entspricht, wobei ich das Gefühl habe, dass sie eher von der Diät-Industrie definiert wird, damit wir unser Geld dafür ausgeben, ein Idealmaß zu erkämpfen, das unerreichbar ist, nicht zu uns passen würde und auch kaum einem Mann gefällt. Jetzt mal so heteronormativ gesprochen. Und es geht so schnell: Sind die Füße zu groß, die Waden zu dick oder - sozusagen geistige Abweichung von der Norm - will man Stiefel mit langem Schaft, aber ohne hohe Absätze, jedoch mit robuster Profilsohle, die trotzdem nicht klobig wirken, kann man noch so viel durch die Läden rennen. Ich glaube, die wollen mein Geld nicht.
Auch im Dessous-Bereich finde ich es immer schwieriger, etwas zu finden, das mir gefällt und passt. Dieses komische Größensystem berücksichtigt ja nur zwei Maße: Die Körbchengröße und den Unterbrustumfang. Ansonsten wird angenommen, dass die Brüste ohne großen Abstand nebeneinander wohnen (liegen, hängen, stehen, mir fällt gerade kein passendes Verb ein) und außerdem halbkugelförmig sind. Wer ein BH-Modell ohne Bügel sucht oder eines, das nicht aus Plastik ist, hat es auch schwer.
Ich mache mal einen kleinen Vergleich: Stellt Euch vor, da gibt es einen Strand mit mehreren Eisverkäufern. Aber jeder darf nur eine Geschmacksrichtung anbieten. Es werden Umfragen gemacht und 40% der potentiellen Kunden essen am liebsten Erdbeereis. 30% mögen gern Schokolade, 20% Vanille, der Rest ist unentschlossen. Um den größten Umsatz zu machen, entscheidet sich jeder Verkäufer für Erdbeer. Die Kunden, die lieber Vanille und Schoko mögen, laufen von Eismann zu Eismann und werden enttäuscht. Die Eismänner jammern, weil sie abends über die Hälfte der Ware wegwerfen müssen. Und genauso ist es mit der Kleidung und den Schuhen.
Der Handel bedient die von BWLern sorgfältig festgelegte Zielgruppe, der Kleidergröße 36 bis 40 mit den entsprechenden Proportionen und Schuhgröße 38 bis 40 passt, die hohe Absätze und Bügel-BHs aus Polyester kaufen will, jammert aber wegen zu geringer Umsätze. In den Einkaufszentren und Hauptgeschäftsstraßen gibt es fast nur noch die Standardläden, die alle dasselbe Zeug anbieten. Warum bedient denn der Handel nicht auch mal die zweit- und drittgrößte Zielgruppe? Die kleinen, großen oder dicken Menschen mit den kleineren oder größeren Füßen oder die Leute, die einen Geschmack oder Anforderungen etwas abseits vom Mainstream haben? Diese Kunden haben auch Geld. Warum will der Handel dieses Geld nicht haben???