Freitag, 9. November 2012

Gelesen: "Die Protestantin" von Gina Mayer





Das Buch wird nicht mehr verlegt, deshalb darf ich kein Coverbild zeigen. Damit der Beitrag nicht so nackt aussieht, habe ich dieses Bild gemalt.


Der Titel lässt eine religiöse Geschichte vermuten. Er klingt so ähnlich wie "Die Päpstin" und man denkt, es geht um das Leben einer Frau, in dem die evangelische Kirche eine große Rolle spielt. Vorn im Buch erfährt man, dass die Autorin zu dieser Geschichte inspiriert wurde, als sie in die Friederike-Fliedner-Straße in der Nähe von Kaiserswerth zog und sich daraufhin über das Leben der Namensgeberin informierte und viel über die Geschichte der Diakonie lernte. Der Klappentext verspricht einen erbitterten Kampf zwischen zwei Schwestern.



Wie gut, dass ich vor der Lektüre bis auf den Titel nichts davon gelesen habe!
Nicht einmal der Titel passt! Es geht um drei Frauen aus drei aufeinander folgenden Generationen, die wie Mutter, Tochter und Enkelin leben, es aber nicht sind.

Dennoch ist das Buch sehr schön und spannend. Es geht um Liebe, Freiheit, Emanzipation, Feminismus, Familie, die 1848er Revolution, Verantwortung, Nächstenliebe und Freundschaft. Aber um die evangelische Kirche, die Diakonie und Friederike Fliedner geht es nur ganz am Rande. Es gibt auch keinen erbitterten Kampf zwischen den Schwestern, nur verschiedene Meinungen und Lebensentwürfe.

Das Buch ist sehr gut geschrieben. Es hat einen interessanten Rhythmus, überspringt an einigen Stellen viele Jahre und erzählt dann rückblickend, was in der Zwischenzeit passiert ist. Die Perspektive wechselt etwa alle 100 Seiten. Angenehm fand ich, dass nie vorgegriffen wurde, weder was die Handlung dieses Romans noch was die deutsche Geschichte betrifft, wie das manch andere Autoren gern machen wie z.B. Christine Brückner in der Poenichen-Trilogie.

Die Geschichte lässt sich gut hintereinanderweg lesen. Personen, Landschaften, Gebäude usw. werden nur so detailliert beschrieben, wie die jeweilige Situation es erfordert. Man betrachtet alles quasi mit den Augen der jeweiligen Hauptperson. Schaut sie länger hin, erfahren wir mehr Details. Schaut sie nur flüchtig über eine Menschenmenge, so erfahren wir keine Einzelheiten. Das gefällt mir sehr gut. Ebenso mag ich die Beschreibung des Alltäglichen.

Sehr interessant finde ich, dass hier wirklich die Handlungen, Gedanken und Gefühle der Frauen im Vordergrund stehen. Männer sind zwar auch da, sie handeln auch und bestimmt haben sie auch Gedanken und Gefühle. Aber dieser Roman beschäftigt sich nur mit den Frauen. Er zeigt, welche Hürden es damals gab und wie einige dennoch ihren Weg frei wählen konnten. Wie sie aus eigener Kraft die schlimmste Armut hinter sich ließen. Wie eine Frau sich gegen die Ehe entscheidet, obwohl sie den Mann sogar liebt. Aber sie ist nicht bereit, die Ehe zu führen, die sie mit diesem Mann führen müsste. Sie wählt stattdessen die Freiheit!

Einen Kritikpunkt habe ich: Den Brief am Anfang und den Brief am Ende sollte man weglassen. Dann wäre es ein runder Roman. Oder, wenn die Briefe unbedingt bleiben sollen, dann muss man am Ende ein wenig mehr erfahren, was in der Zwischenzeit passiert ist. Aber so hängt man als Leser leider ein wenig in der Luft.

Fazit: Der Roman hält zwar nicht, was er verspricht. Stattdessen erhält man auf 670 Seiten die beeindruckenden Portraits dreier Frauen aus dem 19. Jahrhundert, und das ist wirklich lesenswert!

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