Dienstag, 15. September 2020

Gelesen: "Meilenweit für kein Kamel" von Bernhard Hoëcker

 


Coverbild freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt

Autoren: Bernhard Hoëcker, Tobias Zimmermann
Titel: Meilenweit für kein Kamel - Eine ungewöhnliche Reise vom Allgäu in den Orient
Verlag: Rowohlt
Erscheinungstermin: 03.05.2010
352 Seiten
ISBN: 978-3-644-42551-4


Klappentext:
Die verrückteste Rallye der Welt.
Ist es eine gute Idee, mit einem 20 Jahre alten Auto 6500 Kilometer vom beschaulichen Allgäu in die jordanische Wüste zu gondeln? Bernhard Hoëcker meinte: Ja! Zusammen mit seinem Freund Tobias Zimmermann stürzte er sich in ein irrwitziges Unterfangen – die Allgäu-Orient Rallye: Fest stand das Ziel (Amman), der Siegpreis (ein Kamel) – und welche Straßen NICHT benutzt werden durften: alle Verkehrswege, die ein reibungsloses Fortkommen garantierten. Ein Abenteuerbericht voll witziger Begebenheiten, absurdem Wissen und skurriler Reiseimpressionen aus Okzident und Orient.

Meine Meinung:
Diesen Sommer bin ich nicht verreist, aber ein wenig Reisegefühl habe ich mir mit diesem Buch verschafft. Sehr sympathisch schreiben die Autoren über ihr ungewöhnliches Abenteuer, nehmen sich dabei gegenseitig und auch jeweils selbst gelegentlich auf die Schippe, berichten aber auch von berührenden Erlebnissen, Chaos, Langeweile und vor allem von viel Spaß. Dass diese Rallye auch noch einem guten Zweck diente, rundet die Sache für mich perfekt ab. Mir hat das Buch sehr gefallen!




Freitag, 11. September 2020

Abgebrochen: "Jahre der Veränderung" von Linda Winterberg



Coverbild freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt


Autorin: Linda Winterberg
Titel: Jahre der Veränderung
Reihe: Die Hebammen-Saga, Teil 2
Broschur
400 Seiten
Aufbau-Verlag
978-3-7466-3568-2
Preis: 12,99 € (D), 13,40 € (A)


Klappentext:
Drei junge Frauen folgen dem Ruf des Lebens.
Berlin 1929: Die drei Freundinnen haben ihren Weg gefunden: Edith arbeitet als Hebamme in der Klinik und in einer Beratungsstelle für Frauen. Margots Leben steht kopf, nachdem sie sich in einen verheirateten Mann verliebt hat, und Luise unterrichtet inzwischen Hebammen-Schülerinnen und stürzt sich ins Nachtleben der schillernden Metropole. Gleichzeitig zeigen sich die Spuren der Weltwirtschaftskrise nur zu deutlich in Berlin. Armut und Leid sind allgegenwärtig. Als Edith ein verlockendes Angebot bekommt, das ihr Leben verändern wird, ist die Freundschaft der drei Frauen auf eine harte Probe gestellt. 
Die große Hebammen-Saga: historisch fundiert, atmosphärisch und voller liebenswerter Figuren.

Meine Meinung:
Ich habe mich ja schon beim ersten Teil der Hebammen-Saga über einige Dinge geärgert, aber den zweiten Teil breche ich jetzt nach etwa 35% ab und entsprechend werde ich auch den dritten Teil nicht lesen.
Ich kann ja verstehen, dass man einen historischen Roman nicht unbedingt so schreibt, wie man damals wirklich gesprochen hat. Aber hier ist mir die Sprache viel zu modern, z.B. hätte man damals niemanden als "Weichei" beschimpft oder "ich muss" gesagt, wenn man schnell losgehen will. Damals hätte auch ein 14-jähriges Mädchen einen mittelalten Mann nicht öffentlich mit seinem Vornamen angesprochen und geduzt. Sie hätte ihn entweder gesiezt oder "Onkel" genannt. Es sei denn, es war ihr Vater, den hätte sie aber auch nicht mit dem Vornamen angesprochen. Das ist natürlich Geschmachssache und wer da nicht so empfindlich ist, kann natürlich die Leseprobe nutzen, um zu schauen, ob ihr/ihm das Buch gefällt.
Die Figuren sind allesamt flach. Ich habe außer bei den drei Hauptpersonen kaum ein Bild vor Augen. Ich bin ja eigentlich kein großer Fan von allzu ausführlichen, blumigen Beschreibungen, aber etwas mehr möchte ich schon über die Menschen, Speisen, Getränke, Kleidung, Einrichtung lesen. Vor allem im Nachtleben ist mir aufgefallen, dass keine Musik beschrieben wird. Da wird zwar im Femina-Palast getanzt, aber ob das jetzt Walzer, Charleston oder sonstwas ist, weiß man nicht. Immerhin ist von einem Orchester die Rede. In der Scala tanzen und hopsen die Scala-Girls über die Bühne, aber Musik wird mit keinem Wort erwähnt. Dazu kommt, dass Luise am Anfang des Buches erzählen will, was sie "neulich in der Scala" erlebt hat, aber später heißt es dann: "Luise war noch nie in der Scala gewesen." Ja, wie denn nun? 
Die hochschwangere "Frau Weber" wird auf der nächsten Seite zu "Frau Schönke".
Fällt das denn der Autorin oder dem Lektorat oder den Probeleser'innen nicht auf???
Mich nerven auch die endlosen Wiederholungen. Bei jeder zweiten Geburt sagt die Hebamme überrascht: "Da scheint es jemand wirklich eilig mit dem Auf-die-Welt-kommen zu haben!" Wenn die Leute in diesem Buch ins Kino gehen, ist es immer der Gloria-Palast. Dabei gab es damals so viele Kinos in Berlin!
"Historisch fundiert" kann man das auch nicht nennen, wenn Luise mit Marina mitten in der Nacht mit der U-Bahn in Berlin herum fährt. Ich habe bei der BVG nachgefragt, damals gab es keinen Nachtbetrieb bei der Berliner U-Bahn. Man kann auch nicht am Hermannplatz in die Ringbahn steigen und diese fährt auch nicht nach Wittenau. Hermannplatz und Wittenau sind beides keine Ringbahnhöfe. Hermannplatz ist nicht einmal ein S-Bahnhof!
Ach, es ist so schade, denn grundsätzlich finde ich es spannend, über die Zeit zwischen 1929 und 1933 in Berlin zu lesen. Und neben der politischen Lage geht es hier ja nicht nur um Geburtshilfe, sondern auch um Familienplanung, also Aufklärung, Verhütung und Abtreibung. Das Thema beschäftigt uns ja bis heute, denn die Paragraphen 218 und 219 wurden noch immer nicht abgeschafft. Aber ich ertrage es nicht länger, dieses lieblos zusammengeschusterte Buch zu lesen.

Sonntag, 6. September 2020

Nicht ausgelesen: "Tanz, meine Seele" von Kira Minttu

 



Titel: Tanz, meine Seele
Autorin: Kira Minttu
360 Seiten
erschienen am 5.2.2018
Klappbroschur
Preis: 12,90 €
ISBN 978-3958693234
Verlag: Ink Rebels

eBook
Preis: 3,99 €

Klappentext:
»Aber womöglich existiert dieser Teil in mir einfach nicht. Vielleicht bin ich Harper-ohne-diesen-Teil, einfach nur Harper, ein empfindungsarmes Tiefseewesen.«
Harper liebt das Tanzen, ihre Unabhängigkeit und daneben nur noch Molly, ihre eigensinnige Perserkatze. Reicht völlig aus, findet Harper, und beobachtet kopfschüttelnd, wie ihre beste Freundin Andra von einer Beziehungskatastrophe in die nächste stolpert.
Bis Harper beim Tanzen plötzlich vor einer Herausforderung steht, die sich weder durch Kampfgeist noch mit Sarkasmus lösen lässt: Wie soll sie Gefühle auf der Bühne zeigen, die sie nicht spürt?
Einen gäbe es vielleicht, der ihr helfen könnte. Doch vor ihm hält Harper ihr Herz erst recht unter Verschluss …

Meine Meinung:
Nachdem mir "Keep on dreaming" von Kira Minttu sehr gefallen hat, habe ich mich darauf gefreut, ein weiteres Buch von ihr zu lesen, insbesondere da es von einer jungen Tänzerin handelt. Die zwanzigjährige Harper war mir auch gleich sympathisch. Sie ist frech, schlagfertig und vieles an ihrem Leben hat mich an meine eigene Zeit in diesem Alter erinnert. Leider breche ich das Buch jetzt nach 190 Seiten ab, weil es mich sehr nervt. Ich sehe keinerlei Entwicklung. Harper dreht sich im Kreis und das nicht nur beim Tanzen. Sie liebt angeblich das Tanzen, schwänzt aber ständig ihr Training. Das Tanzen selbst wird auch kaum beschrieben, es werden immer nur dieselben drei Elemente genannt: "stehender Spagat, Pirouette, zu Boden sinken". Sie ernährt sich anscheinend nur von Kaffee und Whiskey, pennt bis mittags ihren Rausch aus, geht mit einem Typen ins Bett, der ihr angeblich nichts bedeutet, aber wenn er ihr nicht zuhört und mit seinem Telefon beschäftigt ist, stört es sie doch. Ihre beste Freundin lässt sich immer wieder auf Männer ein, die sie respektlos behandeln, will davon aber nichts hören. Als sie es dann doch endlich kapiert, starten die beiden eine Racheaktion, die teilweise kriminell ist. Hier breche ich nun ab. Ja, dieser miese Typ und sein Kumpel sind Scheiße. Aber zu dem, was sie tun, gehört auch immer jemand, der das mit sich machen lässt. Und was sie getan haben, ist nicht kriminell, sondern "nur" respektlos und demütigend. Wäre die Situation umgekehrt und ein Mann würde sich so an einer Frau rächen, würde das auch niemand für gerechtfertigt halten.


Donnerstag, 3. September 2020

Nicht ausgelesen: "Die Bilder unseres Lebens -Eine Familie zwischen Film und Freiheit" von Ines Thorn

 



Titel: Die Bilder unseres Lebens -Eine Familie zwischen Film und Freiheit
Autorin: Ines Thorn
Klappenbroschur
427 Seiten
Verlag: Rütten & Loening
978-3-352-00937-2
Preis: 16,99 € (D), 17,50 € (A)


Klappentext:
Die Zeit, die uns trennt.
Mit Leidenschaft hat die Familie Lindemann das Kino „Die Schauburg“ in Leipzig betrieben. Bis sie nach dem Krieg enteignet wird. Besonders Mutter Ursula fällt es schwer, sich an die Vorgaben der neuen Machthaber zu halten. Ihr Mann Gerhard kommr versehrt von der Front zurück und versucht mühsam, wieder ins Leben zu finden. Auch ihre Tochter Sigrid, die sich kaum an Friedenszeiten erinnern kann, ist verunsichert. Ob die Ausbildung zur Lehrerin das Richtige für sie ist? Nur Stefan, der Sohn, hält an seinem alten Traum fest. Und um Filme machen zu können, beschließt er sogar, die Heimat hinter sich zu lassen und nach West-Berlin zu gehen. Schon bald merken die Lindemanns, wie schwer es ist, familiäre Bande aufrechtzuerhalten, wenn man getrennt ist durch den Eisernen Vorhang. 
Authentisch und hochemotional: ein großes Familienepos während der deutschen Teilung

Meine Meinung:
Die Figuren sind sehr flach. 
Ursula z.B. geht nach Kriegsende zu den Russen, weil sie eine Genehmigung braucht, wird dort offenbar über viele Stunden misshandelt, vermutlich auch vergewaltigt. Sie beschließt, die Erinnerung daran zu verdrängen. Bald darauf beklagt sie sich, dass ihr Mann keinen Sex will, sie habe schließlich auch Bedürfnisse und hat eine Affaire mit einem Fremden. Man muss kein Psychologe sein, um zu wissen, dass keine Frau so tickt.
Dann grübelt Sigrid, wo sie und Rudi wohnen sollen, falls sie heiraten würden, denn die Wohnung von ihren Eltern ist viel zu klein. Einige Seiten später sind sie verheiratet und wohnen bei den Eltern. Das hätte ich gern etwas ausführlicher gelesen, wie sie über das Problem sprechen, wer nun wo genau schläft, wie sie versuchen, eine andere Wohnung zu finden. Aber es ist dann einfach so, basta. Ich hätte auch gern von der Hochzeit gelesen.
Hochemotional, wie im Klappentext versprochen, ist hier fast gar nichts. Das "aufregendste" ist noch der Moment, als Sigrid denkt, Rudi will ihr einen Antrag machen, aber er nur sagt, es wäre Zeit für sie, in die SED einzutreten. Sie sagt automatisch "Ja!", heult sich aber später bei Mutter und Oma aus.
Man erfährt leider auch gar nichts über den Betrieb des Kinos. Es werden halt Karten verkauft und der Film wird vorgeführt. Da hätte ich mir Details gewünscht. Die Handlung von ein paar Filmen wird beschrieben, aber von vielen Filmen wird einfach nur der Titel erwähnt. Das erscheint mir regelrecht lieblos. Die Familie könnte auch eine Metzgerei oder ein Café haben, man würde keinen Unterschied bemerken.
Sigrid und ihr Bruder fahren 1949 mit der Bahn von Leipzig nach Berlin-Schöneweide und von dort weiter mit der S-Bahn zum Zoo. Die Wikipedia sagt aber: "Als Folge der Berliner Teilung ließ die Deutsche Reichsbahn viele Schnellzüge nach dem Krieg zu Bahnhöfen in Ost-Berlin fahren. Aus Richtung Halle und Leipzig war dies erst 1951, mit Fertigstellung der ersten Abschnitte des Berliner Außenrings, möglich. Die Verbindung über die Anhalter Bahn direkt nach Berlin und der im Krieg schwer zerstörte Anhalter Bahnhof in Berlin-Kreuzberg wurden am 18. Mai 1952 geschlossen." Man wäre damals also zum Anhalter Bahnhof gefahren. Wenn ich das schon mal eben recherchieren kann, warum machen das nicht die Menschen, die an so einem Buch mitarbeiten (Autorin, Lektorat)?
Ich habe mich jetzt 100 Seiten lang gequält, weil mir die Idee eigentlich gut gefällt. Aber die Umsetzung ist leider überhaupt nicht gelungen.

Montag, 31. August 2020

Hörbuch: "Invisible Women: Exposing Data Bias in a World Designed for Men" von Caroline Criado Perez





Titel: "Invisible Women: Exposing Data Bias in a World Designed for Men"
Autorin: Caroline Criado Perez 
gelesen von der Autorin
ungekürzte Lesung
ISBN 9781473569003
Dauer: 09:24:06
erschienen: 7. März 2019

Klappentext:
Imagine a world where...
· Your phone is too big for your hand
· Your doctor prescribes a drug that is wrong for your body
· In a car accident you are 47% more likely to be injured.
If any of that sounds familiar, chances are you're a woman.
From government policy and medical research, to technology, workplaces, and the media. Invisible Women reveals how in a world built for and by men we are systematically ignoring half of the population, often with disastrous consequences. Caroline Criado Perez brings together for the first time an impressive range of case studies, stories and new research from across the world that illustrate the hidden ways in which women are forgotten, and the profound impact this has on us all.
Discover the shocking gender bias that affects our everyday lives.

Meine Meinung:
Männer sind die Norm und Frauen die Ausnahme?
Nein, wir sind schließlich die Hälfte der Weltbevölkerung!
Trotzdem werden Frauen in allen Bereichen des Lebens behandelt, als wären sie die Abweichung von der Norm. Wenn wir uns beklagen, dass diese Welt von Männern für Männer gemacht ist, werden wir aufgefordert, uns halt "einfach" mehr wie Männer zu benehmen.
Die Autorin dieses Hörbuchs zeigt, wie Frauen in Stadtplanung, Verkehrsplanung, Lage von Bushaltestellen, Musikinstrumenten, Schutzkleidung z.B. für Polizistinnen, Spracherkennungssoftware, Werkzeugen, Sportgeräten, Sitzen, Pedalen und Gurten in Autos, öffentlichen Toiletten, Arbeitsverträgen uvm. systematisch übersehen werden. Sie erklärt auch, dass wir dadurch massiv benachteiligt, verletzt und getötet werden.
Ich möchte dieses Hörbuch allen ans Herz legen, die diese Welt besser machen wollen. Denn dieser Mist kostet uns alle (auch Männer!) unglaublich viel Geld, Energie und Lebensqualität.
Und wer gern eine wissenschaftliche Arbeit (z.B. eine Doktorarbeit) schreiben möchte, aber noch kein Thema hat, findet hier viele spannende Fragen, die noch nicht beantwortet wurden.
Wer keine Hörbücher mag, kann natürlich auch das eBook oder die Printausgabe lesen. Es wurde natürlich auch ins Deutsche übersetzt.

Tipp:
Schaut Euch unbedingt dieses Video zum Thema an!

Mittwoch, 26. August 2020

Gelesen: "Die Hafenschwester - Als wir zu träumen wagten" von Melanie Metzenthin

 


Coverbild freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt

Autorin: Melanie Metzenthin
Titel: Die Hafenschwester - Als wir zu träumen wagten
Reihe: Die Hafenschwester (1)
Preis: 15,00 € [D], 15,50 € [A], CHF 21,90 
Paperback, Klappenbroschur
464 Seiten
ISBN: 978-3-453-29233-8
Erschienen am 09. September 2019

Klappentext:

Hamburg, 1892: Die Cholera erschüttert die Stadt an der Elbe und fordert tausende Opfer. Als Marthas Mutter stirbt, muss sie das Überleben ihrer Familie sichern. Die junge Frau aus dem armen Gängeviertel ergattert eine Lehrstelle am Eppendorfer Krankenhaus und arbeitet sich bis zur OP-Schwester hoch. Während die Ärzte sich im Wettlauf gegen die Zeit befinden, ist Hamburg auch im politischen Umbruch: Die Hafenarbeiter streiken, die Frauen kämpfen ums Wahlrecht und für die Rechte von Prostituierten. Martha schließt sich der Frauenbewegung an und führt gleichzeitig ihren ganz persönlichen Kampf. Denn sie hat nicht nur die Liebe zur Medizin entdeckt, sondern – gegen die strengen Regeln am Krankenhaus – auch zu einem jungen Mann …

Meine Meinung:
Ich hab ja immer so Phasen, in denen ich mich mit bestimmten Themen beschäftige. Diesmal sind es historische Romane aus dem Bereich der Medizin. Nach dem jeweils ersten Teil von "Fräulein Gold" und der Hebammen-Saga lief mir "Die Hafenschwester" über den Weg.
Schon von der ersten Seite an war ich abgetaucht in die Stadt Hamburg im ausgehenden 19. Jahrhundert. Die Protagonistin Martha war mir sofort sympathisch und es war interessant und spannend, die Welt mit ihren Augen zu sehen. Die ersten Kapitel handeln von der Cholera-Epidemie in Hamburg, die erschreckend starke Parallelen zur aktuellen Corona-Pandemie hat. Kurze Zeit dachte ich sogar, die Autorin hätte die Gegenwart zum Anlass genommen, um diesen Roman zu schreiben, aber er ist ja schon vor knapp einem Jahr erschienen, da wusste noch niemand, was 2020 auf uns zukommen würde. So wie auch heute verschiedene Länder unterschiedlich mit der Lage umgehen, so war es auch damals. Während in Bremen die Bevölkerung aufgeklärt wurde, um die Anzahl der Infektionen gering zu halten, sodass es dort nur wenige Tote gab, wollten die Hamburger Kaufleute, dass alles "normal" weiterläuft, damit sie weiter ihre Geschäfte machen können, was dazu führte, dass niemand bescheid wusste und sich unnötig viele Menschen ansteckten und an der Cholera starben. Ehrlich gesagt, habe ich beim Lesen oft in Gedanken das Wort "Cholera" durch "Corona" ersetzt. Es macht kaum einen Unterschied!
Das nächste große Thema ist der Hamburger Arbeiterstreik. Die Arbeitsbedingungen im Hafen wurden immer schlimmer, die Männer mussten immer mehr arbeiten, bekamen aber nicht mehr Geld, mussten aber steigende Mieten zahlen. Und die Vermieter waren meist genau die Kaufleute, für die sie gearbeitet haben. Die reinste Ausbeutung, ein Thema, das auch heute noch aktuell ist.
Als drittes geht es um Frauenrechte. Martha arbeitet gern als Krankenschwester. Sie braucht den Beruf aber auch, um ihren Vater und ihren kleinen Bruder zu unterstützen, nachdem ihre Mutter an der Cholera gestorben ist und der Vater nach einem Unfall nicht mehr im Hafen arbeiten kann. Sie darf aber nicht heiraten. Nur unverheiratete Frauen durften als Krankenschwester arbeiten. Während Männer ja schon immer beides durften. Hinzu kommt, dass viele Mädchen in den armen Vierteln keine andere Wahl hatten, als anschaffen zu gehen, schon allein, weil sie von ihren Vätern dazu gezwungen wurden. Und unehelich geborenen Mädchen blieb sowieso nichts anderes übrig, weil die "Schande" ihrer Geburt an ihnen haftete, während unehelich geborene Jungen z.B. als Botenjungen arbeiten und "anständiges" Geld verdienen konnten. Martha knüpft Kontakte zu Menschen, die diese Ungerechtigkeiten abschaffen wollen. Sie kämpft für die Rechte der Arbeiter, der Frauen allgemein, sie hilft Kindern aus armen Familien und auch Prostituierten.
Besonders gut hat mir gefallen, wie sich die einzelnen Figuren entwickeln. Jede hat ihre Geschichte, die sie zu dem gemacht hat, was sie sind. Jede geht ihren eigenen Weg, macht dabei auch mal Fehler, gerät in eine Sackgasse und entdeckt, dass es auch abseits ihrer ursprünglichen Pläne noch Möglichkeiten gibt, ans Ziel zu kommen.
Es geht um Familie, Freundschaft, Liebe, Solidarität. Es geht um das persönliche Glück einzelner, aber auch darum, mit den eigenen Möglichkeiten die Welt ein Stückchen besser zu machen.
Ich freue mich schon auf den zweiten Teil!

Tipp:
Die ersten 39 Seiten gibt es als kostenlose Leseprobe.

Freitag, 21. August 2020

Hörbuch: "Ein Sommer im Alten Land" von Julie Peters

 


Coverbild freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt



Autorin: Julie Peters
Titel: Ein Sommer im Alten Land
Laufzeit: 534 Minuten
Verlag: Aufbau Audio
ISBN 978-3-96105-241-7
Preis: 9,99 €
Veröffentlichung: 29.05.2020

Der Klappentext ist Käse, lest ihn lieber nicht:
Alix ist Parfümeurin, aber nach einem Unfall kann sie ihren Beruf nicht mehr ausüben. Als es auch noch in ihrer Beziehung kriselt, flieht sie in die Provence. Doch in Grasse, der Stadt der Düfte, erinnert sie zu viel an das, was sie verloren hat. Da kommt die Einladung ihrer Tante auf den Apfelhof im Alten Land mehr als recht. Könnte sie hier nicht eine Seifenmanufaktur errichten – wie in Südfrankreich? Ihre Tante ist alles andere als begeistert, außerdem steht der Hof kurz vor dem Ruin. Nur der Ökobauer Johann unterstützt ihre Ideen, oder hat er mit dem Apfelhof ganz eigene Pläne?

Meine Meinung:
Der Titel ist ein wenig irreführend, denn das erste Drittel spielt überall, nur nicht im Alten Land. Es geht um ein Jet-Set-Pärchen: Max macht Investmentkram, Alix designt Raumdüfte. Sie fliegen im die Welt, treffen sich in New York, verlieren den Anschluss an die Zeitzone, in der sie sich gerade befinden. Ihre Arbeit hat keine Substanz, das ahnt man schon in den ersten Minuten. Aber bei Julie Peters geht es ja immer um Entschleunigung und den Sinn des Lebens. Hier geht es vor allem auch um Familie, Liebe, Freundschaft und Wurzeln.
Es ist eine ganz nette Geschichte, recht seicht, stellenweise kitschig.

Tipp:
Es gibt eine kostenlose Hörprobe.

Samstag, 15. August 2020

Hörbuch: "Where the crawdads sing" von Delia Owens

 




Titel: "Where the Crawdads Sing"
Autorin: Delia Owens
gelesen von Cassandra Campbell
Preis: 24,99 $
Veröffentlicht am 30. April 2019
ISBN 9780593105412
Laufzeit: 720 Minutes
Verlag: Penguin Audio


Klappentext:
For years, rumors of the “Marsh Girl” have haunted Barkley Cove, a quiet town on the North Carolina coast. So in late 1969, when handsome Chase Andrews is found dead, the locals immediately suspect Kya Clark, the so-called Marsh Girl. But Kya is not what they say. Sensitive and intelligent, she has survived for years alone in the marsh that she calls home, finding friends in the gulls and lessons in the sand. Then the time comes when she yearns to be touched and loved. When two young men from town become intrigued by her wild beauty, Kya opens herself to a new life – until the unthinkable happens.

Meine Meinung:
Diese Geschichte hat mich total in ihren Bann gezogen. Ein kleines Mädchen erlebt, wie nach und nach ihre Mutter, ihre Geschwister und am Ende auch ihr gewalttätiger Vater sie verlassen. Von den Menschen im nächsten Ort wird sie misstrauisch beäugt und abgelehnt. Sie schlägt sich allein durch, fängt Fisch und sammelt Muscheln, die sie verkauft. Sie knüpft zaghafte Freundschaften, lebt aber die meiste Zeit allein inmitten der Natur, die von den meisten Menschen gar nicht als solche wahrgenommen wird.
Es geht um Familie, Freundschaft, Liebe, Natur, Gemeinschaft, Vorurteile.
Ein großartiger Roman über ein außergewöhnliches Mädchen.

Tipp:
Es gibt eine kostenlose Hörprobe.

Samstag, 8. August 2020

Gelesen: "Unter Nachbarn" von Unda Hörner


Titel: Unter Nachbarn
Autorin: Unda Hörner
Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsjahr: 2000
199 Seiten
ISBN 9783518396711
Preis: 8,50 €

Klappentext:
In Berlin wird viel umgezogen. In Berlin begegnet man immer anderen Nachbarn, Menschen in einem Haus, mit denen man ein geheimes Alltagswissen teilt. Man kennt sich nicht und kennt sich doch genau - Nachbarn sind ideale Projektionsflächen für geheime Sehnsüchte und wirkliche Ängste: die alleinerziehende Mutter, ein unheimlicher Beobachter, ein Lebenskünstler, ein schwerer Alkoholiker, ein todtrauriger Professor, ein Waffenkenner.

Meine Meinung:
Bei diesem Buch hatte ich den Eindruck, dass die Autorin sich nicht so recht entscheiden konnte, worum es ihr geht. Ja, das mit den Nachbarn zieht sich meist als roter Faden durch die Kapitel und das hat mir als Thema auch sehr gut gefallen. Manche Nachbarn sind bedrohlich, andere werden zu Liebhabern oder Freund'innen, manche hört man nur, einige sieht man nur als Schatten an der gegenüber liegenden Brandschutzmauer. Allerdings gibt es auch Kapitel, die gar nichts mit Nachbarn zu tun haben, sondern z.B. mit dem Großvater der Ich-Erzählerin. Diese heißt übrigens auch Unda. Das Buch ist aber angeblich ein Roman. Ich vermute mal, dass es ein sehr autobiografischer Roman ist. Sie schreibt über das Leben in Berlin in den 80er und 90er Jahren und manches habe ich auch so erlebt. Anderes ist mir aber total fremd.
Auch im Stil wechselt sie immer wieder zwischen distanziert und berührend, derb und intellektuell, philosophisch und oberflächlich.
Insgesamt war es ganz interessant zu lesen, aber ich würde auch nichts vermissen, wenn ich es nicht gelesen hätte.

Dienstag, 4. August 2020

Gelesen: "Aufbruch in ein neues Leben" von Linda Winterberg




Coverbild freundlicherweise von Verlag zur Verfügung gestellt


Autorin: Linda Winterberg
Titel: Aufbruch in ein neues Leben
Reihe: Die Hebammen-Saga, Band 1
400 Seiten
Aufbau Verlag
Taschenbuch
Preis: 12,99 € (D), 13,40 € (A)
ISBN:9783746635460
Erscheinungsdatum:12.07.2019

Klappentext:
Berlin 1917: Edith, Margot und Luise könnten unterschiedlicher nicht sein, als sie sich bei der Hebammenausbildung kennenlernen. Was sie jedoch verbindet, ist ihr Wunsch nach Freiheit und Selbständigkeit – als Flucht vor dem dominanten Vater, vor der Armut der Großfamilie oder den Schatten der Vergangenheit. In einer Zeit, in der die Welt im Kriegs-Chaos versinkt, ist die Sehnsucht nach Frieden genauso groß wie das Elend, mit dem die drei Frauen täglich konfrontiert sind. Aber sie geben nicht auf, denn sie wissen, dass sie jeden Tag aufs Neue die Chance haben, Leben zu schenken …

Meine Meinung:
Dieses Buch habe ich eher zufällig entdeckt. Aber da es im ersten Weltkrieg in Berlin spielt, war meine Neugier geweckt. Insbesondere dass es um die Arbeit von Hebammen in Neukölln geht. Meine Oma wurde 1916 in Berlin geboren. Ihre Mutter war nicht verheiratet, was überall ein Skandal war, aber in Berlin nicht ganz so schlimm geächtet wurde wie in katholischen Regionen.
Das Elend in Neukölln, das damals noch nicht zu Berlin gehörte, wird im Roman sehr eindrücklich beschrieben. Der Hunger, der Dreck, die Läuse, die Enge in den Kellerwohnungen, die Kriegsversehrten an jeder Straßenecke, die Gewalt, ich war mehrfach den Tränen nahe.
Das Buch soll laut Nachwort der Autorin auf die Wichtigkeit und die aktuelle Lage der Hebammen aufmerksam machen. Ich fand die Beschreibungen der Schwangerschaftsvorsorge, der Geburten und der Säuglingsfürsorge sehr interessant. Leider gab es hier aber ein paar Details, die mich gestört haben. So werden z.B. ungeborene und neugeborene Kinder konsequent als "Baby" bezeichnet. Meiner Meinung nach sagte man damals "Säugling", vor allem im medizinischen Bereich. Außerdem werden die Gebärenden immer in die Rückenlage gebracht, als müsse das so sein. Ich kann mir zwar vorstellen, dass das in der Hebammenschule der Frauenklinik in Neukölln so praktiziert wurde. Aber die Hauptfigur Luise hat ihre Großmutter in Ostpreußen seit ihrer Kindheit bei ihrer Arbeit begleitet und ich denke, dort wusste man damals nichts von den "modernen Methoden", die für Ärzte und Hebammen die Arbeit rückenfreundlicher gestalten sollten. Und selbst wenn, dann hat die patente, erfahrene Oma sicher eine andere Meinung dazu gehabt. Da hätte ich erwartet, dass Luise sich mindestens wundert, wenn nicht sogar widerspricht.
Dann ist zwar immer wieder die Rede von der Sterilisation von Geräten, aber nicht ein einziges Mal wäscht sich jemand die Hände, bevor der Muttermund abgetastet wird.
Nach der Geburt wird die Nabelschnur durchgeschnitten, das Kind wird in ein Tuch gewickelt. Aber kein einziges Mal wird beschrieben, dass das Kind an den Füßen kopfüber hochgehoben wurde und man ihm einen Klaps auf den Po gab, um den ersten Schrei auszulösen. Erst seit sich Frédérick Leboyer 1974 für die sanfte Geburt eingesetzt hat, wird das nicht mehr praktiziert.
Dazu kommen weitere Fehler, wie z.B. dass aus Rixdorf auch mal "Ritzdorf" wird. Wenn die Figuren irgendwo hin fahren, nehmen sie immer die Ringbahn, ob nach Potsdam, zur Friedrichstraße oder zum Schlesischen Bahnhof (heute Ostbahnhof). Schade nur, dass das alles keine Ringbahnhöfe sind. Dabei wäre gerade das heute so einfach zu recherchieren!
Dann wird jemand als "Frau mittleren Alters" bezeichnet, aber auf der nächsten Seite ist sie plötzlich eine "junge Frau".
Da wird ein Kind "Margarethe, nach ihrer Großmutter" genannt, aber ein paar Seiten weiter ist es die Großmutter der Vaters, also die Urgroßmutter des Neugeborenen.
Es mag sein, dass manche Menschen sagen: "ihre Schicht auf Station beginnt", aber nicht in Berlin. Und man sagt hier auch nicht: "Wir sind hier nicht in Unter den Linden."
Dass eine Hebamme mal eben ein Foto der Familie macht, wundert mich dann auch nicht mehr. (Gebt doch mal "Fotoapparat 1918" in die Suchmaschine Eures geringsten Misstrauens ein und schaut Euch die Bilder an. So ein Gerät hat man nicht mal eben ohne Vorkenntnisse benutzt.)
Das ist so schade, denn das Buch wäre nicht nur in Bezug auf die Lage der Hebammen wichtig, sondern der Umgang mit der spanischen Grippe ist eine wunderbare Parallele zur aktuellen Corona-Pandemie.
Ein ordentliches Lektorat und Korrektorat wäre hier extrem wichtig gewesen.

Tipp:
Die ersten 16 Seiten gibt es als Leseprobe.
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...