Montag, 26. Dezember 2016

Über das Reden über Bücher


Ich lese gern, mal viele und mal wenige Bücher pro Jahr, eine bunte Mischung aus Romanen, Kurzgeschichten, Gedichten, Sachbüchern und Ratgebern. Ich rede auch gern über Bücher und höre gern anderen Leuten dabei zu, wenn sie über Bücher reden. Deshalb habe ich mir in den letzten Jahren viele Büchersendungen angesehen und angehört, erst in Radio und Fernsehen, dann über die Mediatheken, vor einiger Zeit habe ich auch Booktube entdeckt.

Früher war mir das Format egal, solange überhaupt über Bücher gesprochen wurde. Aber vor einer Weile habe ich festgestellt, wie genervt ich nach dem Ansehen von TV-Büchersendungen bin. Ich sehe z.B. das literarische Quartett und frage mich, ob Maxim Biller wirklich die Aufgabe hat, als überheblich-arroganter, demonstrativ Intellektueller die Witzfigur der Runde zu sein. Er erinnert mich an die beiden nörgelnden Opas aus der Muppetshow, nur dass ich über die mehr lachen kann, weil sie längst nicht so verletzend abfällig daherreden, wie er es sich bei Christine Westermann und den von ihr vorgestellten Büchern erlaubt. Wenn ihm die Argumente ausgehen, weist er auf seine jüdischen, russischen oder tschechischen Wurzeln hin, als wäre er derentwegen grundsätzlich im Recht und hätte als einziger den wirklichen Durchblick. Sorry, das ist eine Logik, die ich nicht verstehe: "Wenn man anderer Meinung ist als er, ist man ein Rassist? Aber er darf austeilen, auch unterhalb der Gürtellinie, so viel er mag?"
Bei anderen TV-Buchsendungen wie Lesenswert oder dem Literaturclub ist es ähnlich. Am liebsten würde ich einzelne Personen wegklicken oder mir meine Lieblingsleute zu einer Sendung zusammenstellen.

Außerdem ist mir aufgefallen, dass die Besetzung der Kritikerrunden und die Buchauswahl absolut nicht repräsentativ ist. In der Dezembersendung des Literarischen Quartetts saßen drei Männer und eine Frau. Ausführlich besprochen wurden vier Bücher, drei davon von Männern geschrieben, eins von einer Frau. In allen vier Büchern geht es um Männer. In allen vier Büchern spielt die Vergewaltigung einer Frau eine Rolle. Aber es geht nicht darum, wie schrecklich das für diese Frau ist, sondern es wirkt eher alltäglich, so wie Kinder halt zur Schule gehen oder Bäcker jeden Tag Brot backen. Das ist mehr als erschreckend.
Am Ende der Sendung wurden noch kurze Buchtipps für Weihnachten gegeben, diese fünf Titel sind alle von Männern geschrieben. Kaum ein Titel hat mich angesprochen und in der Vergangenheit war ich auch oft enttäuscht, wenn ich die empfohlenen Titel gelesen habe. Die waren nämlich meist gar nicht so gut wie behauptet und oft kommt es mir so vor, als würde irgendein Geheimbund festlegen, wer diese Saison gehypt werden muss und der wird dann in allen Büchersendungen in den höchsten Tönen gelobt und bekommt natürlich auch alle wichtigen Preise verliehen.

Zur Erinnerung:
Die Hälfte der Bevölkerung ist weiblich.
Über 60 Prozent aller funktionalen Analphabeten sind Männer, knapp 40 Prozent sind Frauen.

Wie kommt es nun also zu dieser seltsamen Auswahl, die nichts mit der Zielgruppe zu tun hat?
Männer lesen Männer, Frauen lesen alles. Das merkt man auch im Literarischen Quartett: Christine Westermann hat ein Buch von einer Autorin ausführlich vorgestellt und bei den Kurztipps eins von einem Mann. Die Männer haben nur Männer vorgestellt.

Ich wage zu behaupten, dass Frauen genauso viele Bücher schreiben wie Männer. Ich behaupte auch, dass diese Bücher mindestens genauso gut sind. Ja, wir Frauen lesen auch Bücher von Männern und über Männer, allerdings wollen wir ab und zu auch mal etwas von Frauen und über Frauen lesen! Aber solange Männer in den Verlagen entscheiden, was ein gutes Buch ist und solange Männer entscheiden, wer in einer Literatursendung ein Buch vorstellen darf und welches, werden uns dort hauptsächlich solche Männer-Bücher empfohlen.
Dass damit die weibliche Leserschaft langsam aber sicher vor den Kopf gestoßen wird und die Verlage und Fernsehsender sich damit die besten Kunden, nämlich die weiblichen (80% aller privaten Konsumentscheidungen werden von Frauen getroffen), vergraulen, ist genauso ungeschickt wie die Idee, erst eine eBook-Flatrate anzubieten und sie dann doch wieder stark einzuschränken, weil zu viele Frauen zu viele Bücher mit dieser Flatrate gelesen haben.


Die leider viel zu früh verstorbene Eva Heller hat es auch sehr schön formuliert.
(Zitat aus "Welchen soll ich nehmen?")


Zum Glück habe ich Booktube entdeckt!
Was genau Booktube ist, ist nicht klar definiert. Selbst die Wikipedia hat keinen Eintrag zu diesem Begriff. Aber dieses Video zeigt ganz gut, was man sich unter Booktube vorstellen kann. Ich glaube sogar, Booktube ist für jeden, der es nutzt, ein wenig anders, weil es so groß ist, dass jeder nur einen Teil davon nutzt und dieser Teil dementsprechend nicht für alle NutzerInnen gleich ist. Es gibt unter den Booktubern Frauen, Männer, Kinder, Jugendliche, Erwachsene und es sind auch alle Genres vertreten. Wenn ich mir also nur Videos von älteren Damen über Science Fiction ansehe, ist mein Booktube sicher anders, als wenn Du Dir junge Männer anschaust, die über Gedichte reden. Und genau das ist das Schöne daran: Ich suche mir aus, wem ich zuhören bzw. zusehen will, ich entscheide, über welche Bücher ich eine Rezension sehen will. Und wenn mich ein Buch besonders interessiert, kann ich mir weitere Videos von anderen Booktubern ansehen, die werden entweder rechts in den Empfehlungen angezeigt oder ich finde sie über die Kommentare oder ich suche sie einfach selbst, indem ich den Buchtitel in das Suchfeld von Youtube eingebe.

Jetzt wünsche ich mir nur noch, dass Christine Westermann, Susanne Fröhlich und Elke Heidenreich zu Booktube wechseln und dort genau die Bücher vorstellen, die sie wirklich mögen. Dort könnten sie so lange über die Bücher reden, wie sie wollen und auch daraus vorlesen oder zitieren. Mehr Geld als im Fernsehen würden sie wahrscheinlich auch verdienen. Und wahrscheinlich würden sie auch mehr Zuschauer erreichen.


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